11/02/2026 0 Kommentare
Jubiläum 125 Jahre Evangelische Kirche Broich und historische Sauerorgel
Jubiläum 125 Jahre Evangelische Kirche Broich und historische Sauerorgel
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Jubiläum 125 Jahre Evangelische Kirche Broich und historische Sauerorgel
Anlässlich des 125. Geburtstags der Kirche und der historischen Sauer-Orgel erscheint eine Festschrift, um die Leistungen vergangener Generationen zu würdigen und für die nachfolgenden zu erhalten. Daher dient die Festschrift auch als Aufruf zu einer Spendenaktion für die Orgel.
Am 17. März 1901 wurde die „Evangelische Kirche zu Broich“ – ihr offizieller Name seit Beginn – eingeweiht unter den Augen einer „unübersehbaren Schar Gläubiger …, die nicht nur aus der Gemeinde Broich, sondern auch aus der Umgegend, von Saarn, Speldorf und Mülheim herbeigeeilt“ waren. So stand es am nächsten Tag in der Mülheimer Zeitung. Diese Schrift aus Anlass ihres 125-jährigen Bestehens soll den Blick darauf richten, wie sich die Zeiten in diesem Bauwerk widerspiegeln – Kaiserzeit, Kriegszeiten, Zeiten des Aufschwungs und des Niedergangs. Und immer waren es die Menschen, die als christliche Gemeinde, als politisch und wirtschaftlich Handelnde tätig waren. Unsere „Wilhelmine“ ist ein Zeugnis für den Bürgerstolz in einer aufstrebenden damals selbständigen Industriegemeinde und diente auch zur Selbstdarstellung des wohlhabenden Bürgertums im Kaiserreich.
Die Orgel war schon am 19. Dezember 1900 fertig geworden. Als „historische Sauer-Orgel“ dürfen wir sie mit recht bezeichnen, weil sie von der weltberühmten Firma Sauer gebaut wurde und sich heute immer noch (fast) unverändert präsentiert. Sie stellt einen historischen Schatz dar, den es zu bewahren gilt.
Ein Gotteshaus mit Geschichte
Vorgeschichte der evangelischen Gemeinden in Mülheim an der Ruhr
Das Gebiet der Herrschaften Broich und Styrum erreichte 1808 eine Einwohnerzahl von 5.000 und erhielt dadurch – im französisch verwalteten Großherzogtum Berg – die Verfassung einer französischen Mairie (auch Munizipalität genannt). Als sich durch die Industrialisierung die Einwohnerzahl von Mülheim mehr als verdoppelt hatte, kam es zur Anwendung der revidierten preußischen Städteordnung. Dadurch wurde das Stadtgebiet in die Stadtbürgermeisterei und die Landbürgermeisterei Mülheim an der Ruhr aufgeteilt. Nach weiterem Bevölkerungswachstum wurde 1878 die Landbürgermeisterei aufgeteilt: Broich mit Speldorf und Saarn, Styrum mit Alstaden und Dümpten sowie Heißen mit vier weiteren Landgemeinden. Bald beginnt dann auch die Geschichte der evangelischen Kirchengemeinden.
Alle Orte innerhalb der preußischen Bürgermeisterei Mülheim an der Ruhr gehörten kirchlich zur reformierten Petrikirche, zur lutherischen Paulikirche oder zur katholischen Marienkirche. Ausgenommen hiervon war Saarn, wo die evangelischen Gemeindeglieder nach jahrzehntelangem Konflikt 1844 unabhängig wurden. Wir bleiben in dieser Abhandlung bei der Bürgermeisterei Broich, die 1890 mehr als 13.000 Einwohner hatte, davon entfiel der größte Teil auf die Gemeinde Broich, die am stärksten von der Industrie geprägt war: Zu nennen sind hier vor allem die Lederindustrie und das Eisenbahnausbesserungswerk, während Saarn und Speldorf noch deutlicher landwirtschaftlich geprägt waren. Die (größere) Petrigemeinde als Muttergemeinde bereitete die Loslösung der Bezirke Broich/Speldorf, Styrum/Dümpten und Heißen/mit Bauernschaften vor, indem sie 1883 jeweils eine Filialkirche in den neuen Bürgermeistereien errichten ließ – Standorte waren Speldorf, Styrum und H.
Widerstand gegen die „Gemeindegründung von oben“

Damit war in der Bürgermeisterei Broich ein Konflikt entstanden: Die Hauptfigur spielte hierbei der Bürgermeister von Broich in Gestalt des Hauptmanns a.D. Ludwig Mentz, hinter dem sich die Broicher Unternehmerschaft versammelt hatte. Die kirchlicherseits „von oben“ verfügte Gründung der Doppelgemeinde Broich-Speldorf mit dem Kirchenstandort in Speldorf stieß bei den Broichern – nach einer Abstimmung der Gemeindemitglieder – auf Ablehnung, sodass 500 sogenannte Haushaltsvorstände mit Familienmitgliedern aus der evangelischen Landeskirche austraten und den „Verein Evangelische Gemeinde Broich“ gründeten. Das waren etwa 1.500 Gemeindemitglieder und damit ein Drittel der evangelischen Broicher. Der Kirchsaal und das Pfarrhaus auf der Wilhelminenstraße 7 und 9 waren eine Stiftung von Ferdinand Roßkothen, genauer seiner früh verstorbenen Ehefrau Wilhelmine (Wilhelminenstraße!). Friedrich Habermas, der aus Thüringen stammte, wurde als Pfarrer von der freikirchlichen Gemeinde angestellt.

Dies war aber nicht das letzte Wort: Auf Betreiben und unter Mitwirkung des Presbyters Lederfabrikant Wilhelm Funcke (1843-1931) fanden auf Schloss Broich Gespräche statt. Nach zähen Verhandlungen mit der Kirchenleitung der Rheinprovinz kam es schließlich 1890 zur Geburtsstunde der landeskirchlichen evangelischen Kirchengemeinde Broich. Die Entlassung von Pfarrer Habermas war Bedingung; er fand keine Anstellung mehr in einer Provinzialkirche des Königreichs Preußen, weil er sich keiner mündlichen Einstellungsprüfung unterziehen wollte.
Vorgaben des Presbyteriums für einen repräsentativen Bau
Jetzt fehlte der neuen Gemeinde nur noch eine eigene Kirche, denn der ehemals freikirchliche Kirchsaal erschien den Herren des Presbyteriums (Frauen gab es in diesem Gremium nicht) nicht angemessen. Ein Kirchbaugrundstück in Sichtweite des Broicher Rathauses war bald gefunden, ein Architektenwettbewerb wurde ausgeschrieben mit detaillierten Vorgaben (in Auswahl):

· Gotischer Stil, Kreuzgrundriss (hatten in Mülheim nur die Paulikirche, die Saarner Klosterkirche sowie die (inzwischen entwidmete) katholische Nachbarkirche Herz Jesu),
· Steingewölbe (hatten nur die Petri- und die Paulikirche sowie die Klosterkirche und die katholische Nachbarkirche Herz Jesu),
· Bruchsteinverblendung des Ziegelmauerwerks durch die Firma Rauen (hatten nur die Petri- und die 1971 abgetragene Paulikirche, die Saarner Klosterkirche und die katholische Nachbarkirche Herz Jesu),
· Der Chor als besonderer, durch einen Stufenaufgang vom Raum der Gemeinde abgetrennter Feierraum für das Abendmahl, bildet in einer evangelischen Kirche eher die Ausnahme und war theologisch umstritten,
· Eine dreiseitige umlaufende Empore (hatten nur Petrikirche und Saarner Dorfkirche) mit Platz für insgesamt 800 Menschen,
· Orientierung von Ost nach West aus städtebaulichen und politischen Gründen: Hauptportal dem Broicher Rathaus und dem Bahnhof Broich zugewandt.

Werner Franzen [in seiner Doktorarbeit „Gottesdienststätten im Wandel 1860-1914“] vermutet, es sei naheliegend, dass man sich in erster Linie von den 1883 errichteten evangelischen Filialkirchen in Speldorf, Styrum und Heißen abgrenzen wollte, die – mit geringerem Aufwand – in Ziegelbauweise nach gleichem Bauplan, mit hölzerner Decke und ursprünglich ohne Kirchturm errichtet worden waren. Das Presbyterium folgte damit in seinen Vorgaben dem „Eisenacher Regulativ“ für evangelische Kirchenbauten, gültig von 1861 bis 1908. Der Mülheimer Architekt Heinrich Heidsiek (1843-1914) gewann den Wettbewerb mit einem dem überholten „Eisenacher Regulativ“ (Normierung aus dem Jahr 1861), das ein konservatives vorreformatorisches Baukonzept für vorwiegend lutherische Kirchenneubauten propagierte.
Die Bauentwürfe für evangelische Kirchenbauten setzten seit 1889 neue Akzente. Sie waren Zentralbauten mit Kanzelaltären, die dem auf die Predigt orientierten Gottesdienst eher Rechnung trugen, die Gotik war nach dem Krieg 1870/71 gegen Frankreich als „französischer Stil“ verpönt, romanische oder barocke Bauformen und Elemente des Jugendstils erhielten den Vorzug. Auch damit hätte Heinrich Heidsiek dienen können, wie er es in seinen Kirchenbauten im Ruhrgebiet und am Niederrhein mehrfach gezeigt hatte – zuletzt mit der Mülheimer Johanniskirche an der Aktienstraße (1914, nach dem Krieg durch einen Neubau ersetzt).
Das Wiesbadener Kirchbau-Programm war fortschrittliche Alternative

Abb. 5 Vergleich Broicher Kirche (links) mit Wiesbadener Kirchbau-Programm am Beispiel der Friedhofskirche in Wuppertal (rechts)
Der Wiesbadener Pfarrer Emil Veesenmeyer und der Berliner Architekt Johannes Otzen veröffentlichten 1891 das Wiesbadener Programm. „Es entsprach vor allem der Forderung der Reformierten Kirchen, dass nicht eine bestimmte Formensprache, sondern die lebendige Gemeinde und die Predigt im Mittelpunkt der Architektur zu stehen habe.“ Während das Eisenacher Regulativ der romantischen Begeisterung für das „glorreiche“ Mittelalter folgte, forderte Veesenmeyer „einen Einheitsraum, der dem Lutherschen Diktum vom Priestertum aller Gläubigen entsprach; darum sollte es weder einen Chor noch Kirchenschiffe [also auch keine die Sicht störenden Pfeiler, der Autor]“ geben. [nach Wikipedia]

Zusammenfassend betrachtet zeigt sich in Broich, dass es kaum Kennzeichen gibt, die für einen um 1900 modernen Kirchenbau hätten stehen können: also kein einheitlicher Feierraum, kein Kanzelaltar mit Orgel- und Sängerempore (anstelle des Chorfensters).
Es gibt auch Ausnahmen vom konservativen Stil: die fehlende Orientierung von Westen nach Osten (städtebauliche Gründe) und die Emporenstützen aus Gusseisen. Bei der Christuskirche in Oberhausen setzte die Gemeinde nachträglich einen anderen Baustoff durch. Die reduzierte Länge des Langschiffs (nur eine Fensterbreite) ist auch auf die Vorgabe des Grundstücks zurückzuführen.
Broich steht Kopf – der große Tag der Einweihung
Aus der Tageszeitung wissen wir, welche Bedeutung der Tag der Einweihung für die evangelischen Broicher hatte und darüber hinaus. Die Mülheimer Zeitung für die Stadt und den Landkreis Mülheim an der Ruhr vom 18. März 1901 schrieb über dieses Ereignis – hier einige Auszüge:
„Für unsere evangelische Gemeinde war der gestrige Laetare (Freuet Euch)-Sonntag ein Freudentag in des Wortes bester Bedeutung, galt er doch der Einweihung des neuen Gotteshauses, der Erreichung des Zieles, nach dem die Gemeinde sich seit 11 Jahren gesehnt hatte. Kein Wunder, dass sich diese Freude auch äußerlich in einem reichen Fahnen- und Kränzeschmuck kundtat.“
„Nach dem Schlußgesange … wurde der Festakt beendet und die Teilnehmer begaben sich in geschlossenem Zuge, die diesjährigen Konfirmanden an der Spitze, sodann die Geistlichkeit, der Kirchenvorstand und das Presbyterium mit den Altargeräten, durch die festlich geschmückte Straße zur neuen Kirche, von festlichem Geläute begleitet. Um die Kirche hatte sich mittlerweile eine vielhundertköpfige Schar angesammelt, die des Augenblicks harrten, in dem die Pforten des neuen Gotteshauses sich zum ersten Male der andächtigen Menge öffnen sollten. Am Haupteingange überreichte der Baumeister, Architekt Heidsiek, nach dessen Plänen der stattliche, architektonisch bedeutende Bau errichtet wurde, den Schlüssel dem Herrn Generalsuperintendenten Umbeck von Koblenz, der ihn mit herzlichen Segenswünschen dem Ortspfarrer Herrn Haustadt überreichte. Dieser öffnete im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes die Pforte und nun flutete eine überaus große Menge in das Gotteshaus, dieses in kurzer Zeit in allen seinen Teilen und bis zum letzten Platz besetzend.“
„Nach der ergreifenden Weiherede des Herrn Generalsuperintendenten folgte der Vortrag der Motette ‚Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre‘ durch den unter Leitung des Lehrers Herrn Jakobs stehenden gemischten Chor, wonach der Präses der Rheinischen Provinzial-Synode, Superintendent Schürmann aus Kapellen ein herzliches Begrüßungswort aus Jesaias 66, Vers 10-13 an die Gemeinde richtete, die dann das Lied ‚Allein Gott in der Höh‘ sei Ehr‘ anstimmte.“

„Nach dem Gesang der Gemeinde … bestieg Pfarrer Haustadt die Kanzel, um von ihr zum ersten Male Gottes Wort zu verkünden. Er hatte seiner Festpredigt das Schriftwort Lukas 19, Vers 1-10 zugrunde gelegt. Andächtig lauschten die Gläubigen den Worten des beliebten Seelsorgers, der der Freude über den glücklich beendeten Bau Ausdruck verlieh, eindringliche und herzliche Mahnungen an seine Gemeinde richtete, nun auch das herrliche Gotteshaus in rechter Weise und Jesum zu Ehren zu benutzen. Nach dem Gesange der Gemeinde stimmte die Gesangsabteilung des Arbeitervereins unter Leitung des Herrn Jakobs Kreutzers weihevolles Sonntagslied ‚Das ist der Tag des Herrn‘ an.“
„Um 1 Uhr fand im Saale des Restaurants „Zum Stockfisch“ ein Festessen statt, an dem gegen 180 Personen, Damen und Herren, teilnahmen. General-Superintendent Umbeck brachte in markiger urdeutscher Rede das Hoch auf Se. Majestät den Kaiser aus, in das die Festversammlung begeistert einstimmte und dann die Nationalhymne sang. Pfarrer Haustadt dankte allen, die den Bau unterstützt und an ihm geholfen hatten und feierte die geistlichen und weltlichen Ehrengäste, die Herren …“
„Superintendent Schürmann ließ die Herrn Ortspfarrer und Kirchmeister Heinrich Roßkothen den genialen Erbauer der Kirche, Architekt Heidsiek, feiern. An das Essen schloss sich um 4 Uhr ein gemeinschaftliches Kaffeetrinken, an dem wohl 600 Personen teilnahmen.“
„Möchten sich denn alle die Segenswünsche, die gestern dem neuen Gotteshause und mit ihm der opferwilligen Gemeinde, die es aus eigenen Mitteln erbaute, geweiht wurden, in reichstem Maße erfüllen, möchte der Segen des Höchsten über beiden sich ausgießen jetzt und immerdar!“
Bauliche Veränderungen zwischen 1917 und heute
Prinzessin Marianne von Preußen, die Schwägerin von König Friedrich Wilhelm III. und seiner Ehefrau Luise (diejenige mit Bezug zu unserem Stadtteil Broich), hatte 1813 an die weibliche Bevölkerung appelliert, ihren Goldschmuck gegen eine Brosche oder einen Ring aus Eisen mit der Inschrift GOLD GAB ICH FÜR EISEN zu tauschen. Damit unterstützte sie einen in Berlin publizierten Aufruf, die Befreiungskriege 1813-1815 gegen Napoleon mitzufinanzieren. Hieran erinnerte sich „Preußens Gloria“, als es im Kriegsjahr 1917 Probleme mit dem Nachschub an Waffen und Munition gab. Kaiser Wilhelm II. streckte die Hand nach den von den Waffenschmieden begehrten Edelmetallen aus. Weil Kirchenglocken in den meisten Fällen aus Bronze gegossen wurden, traf es zwischen 40.000 und 50.000 ihrer Art – so auch die beiden größeren Broicher von der Glockengießerei Joh. Georg Pfeifer in Kaiserslautern. Auf den 1919 gestellten Antrag, Ersatz zu leisten, antwortete der Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung dem Pfarrer Paul Offerhaus am 31. Juli 1919 aus Berlin, die Materialsituation sei unübersichtlich und ein Ersatz der Bronze deswegen vorerst unwahrscheinlich. Andererseits gebe es Angebote mehrerer Firmen, die Gussstahlgeläute herstellen gegen Inzahlungnahme der verbliebenen Bronzeglocke. Über die gestalterische und musikalische Qualität gebe es noch kein Urteil. – Das hieß also: abwarten oder Gussstahlgeläut kaufen!
Mit der verbliebenen kleinen Glocke finanzierte das Presbyterium nun die Anschaffung eines dreistimmigen Stahlgeläutes vom Bochumer Verein mit den Aufschriften „Ein feste Burg ist unser Gott“ - „Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben“ - „Ich lebe und ihr sollt auch leben“. Die Glockenweihe fand am 15. August 1920 statt. So „schnell“ kann es gehen bei Arbeiterstreiks, Kohlennot und Bahnsperren, wie der Bochumer Verein an Pfarrer Offerhaus einen Monat später schrieb.
Am Rande sei angemerkt: Broich hatte neue Kirchenglocken, bevor die die Muttergemeinde auf dem Kirchenhügel noch keine in Auftrag gegeben hatte. Hierzu das Mülheimer Jahrbuch von 1956: „Als dann aber nach dem 1. Weltkriege von Broich her das neue Geläut über die Ruhr herüberschallte, entschlossen sich die sparsamen Väter des Presbyteriums, nicht mehr länger mit der Beschaffung neuer Glocken zu warten.“ – Die Anschaffung des 500 kg schwereren Stahl-Geläutes machte 20 Jahre nach seiner Hängung den Austausch des hölzernen Glockenstuhls gegen einen aus Stahl notwendig.
Hier sei noch zu ergänzen, wie die Glocken geläutet wurden: In England ist heute noch das Handläuten der Glocken (Wechselläuten) ein Kulturgut und ein „echter Herrensport“. Broich gingen im Jahre des Herrn 1913 die kräftigen Kerle aus, die in den Seilen hängend die Glocken „sprechen“ ließen. Aber wozu war die Kirche 1910 an das Stromnetz angeschlossen worden? Für 3.012,95 Mark wurden in Herford elektrische Läutemaschinen erworben, deren Kosten über sieben Jahre „abgestottert“ wurden. Während der Zeit der Inflation Anfang der 1920er Jahre stiegen auch die Stromkosten, sodass aus Kostengründen nur noch halb so lange geläutet wurde und das in der Rheinischen Läute-Ordnung vorgesehene Mittagsläuten fortfiel wie auch das „werktägliche Gebetsläuten“ morgens und abends.
Die Broicher Kirche galt damals als dunkel, weil die Buntglasfenster und die in dunkelbraunem Holzton gehaltenen Emporenbrüstungen und Kirchenbänke „Licht schluckten“; elektrisches Licht gab es ja bei der Einweihung der Kirche noch nicht. Hinzu kam, dass die großen Innenflächen mit dunkelroten Klinkersteinen aufgeführt waren. Von Putz- und Malerarbeiten mit heller Farbe ist erst in den 1920er Jahren die Rede. Auch die Leuchter im Gewölbe und an den Wänden stammen aus dieser Zeit.

Die Renovierungsarbeiten wurden in Zusammenhang mit dem 25. Kirchenjubiläum durchgeführt. Der Frauenverein, der Arbeiterverein und Frau L. stifteten die Bronzeleuchter und den sogenannten Taufaltar. Die Entwürfe stammten von den Architekten Halbach und Peuser in Wuppertal-Elberfeld, der Kunstschmied Emil Groten fertigte die Ausstattungsstücke in den Jahren 1926/27. Bemerkenswert ist deren Formgebung im Stil des Art Déco, das auf dem Jugendstil aufbaute, ihn etwa ab 1915 ablöste und Mitte der „Goldenen Zwanziger“ seinen Höhepunkt hatte. Die zeitlich parallel errichtete Mülheimer Stadthalle in der Nachbarschaft zeigte mit der Inneneinrichtung (zerstört 1943) von Emil Fahrenkamp und Mosaiken (nur diese erhalten) von Johan Thorn Prikker Kennzeichen dieser kunstgewerblich orientierten Stilepoche. Neben Deutschland ist das Art Déco hauptsächlich in Frankreich und den USA verbreitet.
Inzwischen steht neben dem Taufaltar der Leuchter aus der entwidmeten Herz Jesu Kirche.
Das Chorfenster lenkt die Blicke der Kirchenbesucher und -besucherinnen auf den Chorraum und den Altar. Es wurde von dem Wuppertaler Glasmaler Karl Hellwig (1911-96) als eines seiner frühen Nachkriegswerke 1948/49 geschaffen. Sämtliche Fenster hatten den Krieg nicht überlebt. Mit Unterstützung der Besatzungsmacht erhielt die Kirche 1945/46 eine Notverglasung, damit wieder Gottesdienste gefeiert werden konnten. Anstelle des Chorfensters musste ein Provisorium aus Brettern das durch den Luftdruck einer Bombe entstandene Loch verdecken. Statt einer Notverglasung im Chor kam es zu einer längeren theologisch dominierten Planungsphase, ob über dem Altartisch eine figürliche Wiedergabe biblischer Szenen angebracht sei. Das Ergebnis: Drei Bildreihen erinnern an die Bildtafeln eines mittelalterlichen Flügelaltars, eines Triptychons. Über der herausgehobenen mittleren Bildreihe steht eine Engelfigur mit dem Spruchband „Im Anfang war das Wort“ (Gottes Wort und die Predigt darüber). Die Vertikale an den Seiten zeigen biblische Szenen zum Sakrament der Taufe (links) und des Abendmahls (rechts), die nach evangelischem Verständnis einzigen Sakramente, die auf Worte Jesu begründet sind.

Noch einen Blick zurück auf die Jahre 1933 bis 1944 – bis zur Nacht vom 1. auf den 2. November, als ein versprengter Bomber eine Luftmine auf die benachbarte Lederfabrik entlud und mindestens fünf Menschen, das Künstleratelier von Willi Deus und die bunten Fenster unserer Kirche vernichtete. Das Chorfenster zeigte die Himmelfahrt Christi, die großen Fensterflächen über den Emporen des Querschiffs zeigten die Taufe Jesu durch Johannes und Jesus mit Maria Magdalena und Martha. Die zerstörten Fenster wurden von Fabrikanten, vom Frauenverein und vom Evangelischen Arbeiterverein gestiftet. Zu letzterem sei angemerkt, dass der Verein nach Wikipedia als „strikt antikatholisch und antisozialdemokratisch ausgerichtet“ war.
Im Jahr 1933 stand die Neugestaltung des Altarraums an. Der Niederländer Walter Vits, Lehrer an der Kunstakademie Düsseldorf, unterbreitete Pfarrer Offerhaus ein Konzept für eine intensive farbliche Gestaltung auf der Grundlage der Gedanken, die der Architekt Arno Eugen Fritsche (über 20 Jahre Leiter des Provinzialkirchenbauamts der Evangelischen Kirche der Rheinprovinz) schon Mitte der Zwanzigerjahre entwickelt hatte. Der Mülheimer Maler Hermann Prüßmann dokumentierte das Ergebnis in einem Gemälde (s. Seite 10). Einige der Ideen wurden nicht verwirklicht: ein monumentales Kreuz im zentralen Gewölbefeld der Vierung. Die Darstellung der Reformatoren Luther und Melanchthon auf der linken und rechten Seite des Chorfensters scheiterte an der Kritik, die Malerei könnte vom Chorfenster mit der Himmelfahrt ablenken.
„Land Land höre des Herren Wort“ - Diese Mahnung des Propheten Jeremia stand seit 1933 im sogenannten Triumphbogen über dem Chorraum. Der Schriftzug „Ich bin der Herr dein Gott“ wurde nachträglich unter dem Chorfenster angebracht. Es ist sicher kein Zufall, dass diese Inschriften an exponierter Stelle im Jahr der Machtübertragung an die Nationalsozialisten angebracht wurden als Ausdruck kirchlicher Gegenposition zum Nazi-Regime. Dazu würde passen, dass Pfarrer Hermann Ristow (1921-62 in Broich) nach dem Krieg den Schriftzug als Mosaik erneuert sehen wollte. Stattdessen wurden alle Schriftzüge und Ornamente entfernt, dem Zeitgeschmack nach dem Krieg entsprechend, sodass sich die Kirche seit 1952 kalkweiß und kreuzlos präsentierte.
Ebenfalls im Jahr 1933 wurde ein neuer Abendmahlstisch angeschafft, der den „einfachen Tisch, der mit schwarzer Decke, die an allen Seiten bis zum Boden herabhing“ [Ristow], verhüllte. Dieses ungeliebte Teil wurde durch einen Abendmahlstisch in den Stilformen des Bauhauses aus Sperrholz-Hohlkörpern ersetzt. Doch auch dieser fand keine breite Zustimmung. Daher wandte sich im März 1947 Pfarrer Ristow an den Architekten Halbach (Wuppertal) und berichtete von der Absicht, einen neuen Altartisch anzuschaffen. Dabei kritisiert er den von 1933: „... das Ganze aus Sperrholz und Nussbaum poliert, in sehr schlichten Formen, die aber doch durch ihre Wuchtigkeit eine Schwere vortäuschen, die zu der buchstäblichen ‚Hohlheit‘ des Körpers in einem grotesken Verhältnis steht. Das Ganze ist gering an Gewicht und wird bei den häufigen geistlichen Musikaufführungen, um dem Sängerchor Platz zu machen, leider gerne an die Wand zurückgesetzt. Obwohl wir uns mit reformierter Nüchternheit getränkt wissen, empfinden wir das doch als unwürdig. Wir erwägen daher die Aufmauerung eines Altares aus Naturstein, vielleicht aus den hiesigen Ruhr-Steinbrüchen.“ – Sein Vorschlag wurde nicht realisiert. Der heutige Tisch aus dem Jahr 2004 wurde von Peter Probst entworfen, der schon die Restaurierung der Kirche anlässlich der Hundertjahrfeier leitete.
Aus der Erbauungszeit der Kirche stammt die Altarbibel, die die Ehefrau des letzten deutschen Kaisers, Auguste Viktoria, gestiftet und mit einer Widmung versehen hat. Übrigens eine Tradition, die der erste Bundespräsident wieder aufnahm. Kerzen und Kreuz als Altarschmuck kamen erst viel später auf den Tisch, letzteres stammt aus der 2015 entwidmeten Christuskirche. Die Antependien (Altarbehänge) entstanden 2001 nach Entwürfen von Professor Kurt Wolff in der Kaiserswerther Werkstatt für Textile Objekte und Paramentik. Sie wechseln mit ihrer Farbgebung während des Kirchenjahres als „Lesezeichen der Bibel”.
Bereits im März 1947 wurde die Anschaffung eines Lesepults erwogen, das auch als Dirigentenpult für die vielfältigen Musikveranstaltungen geeignet sein sollte. Die Broicher Kirche war nach dem Krieg einer der wenigen erhaltenen großen Veranstaltungsorte in der Stadt. Es dauerte dann aber noch bis 2004, bis für die biblischen Lesungen im Gottesdienst sowie für Predigten bei kleiner Besucherzahl ein Ambo angeschafft wurde. Wie der Abendmahlstisch wurde er von Peter Probst aus Duisburg entworfen und von der dortigen Firma Herbst ausgeführt.
Der Altar stand ursprünglich auf Mettlacher Platten (Firma Villeroy & Boch aus Mettlach / Saar). Der Chor wurde später mit Auslegeware belegt; erst im Jahr 2000 wurden die Platten wieder entdeckt und in den Bereich unter der Orgelempore verlegt. Dieser wurde nach Demontage einiger Kirchenbänke zur Kommunikationsfläche. Auch der Kölner Dombauverein durfte 1888 nach Genehmigung durch Kaiser Wilhelm II. den Bodenbelag für den Chorbereich des Doms bei derselben Firma in Mettlach bestellen. – Erinnerungsstücke an die 2005 entwidmete zweite Broicher Gemeindekirche an der Calvinstraße befinden sich in einer Vitrine im Kommunikationsbereich.
Nun endlich einige Anmerkungen zur Kanzel, dem zentralen Prinzipalstück in einer evangelischen Kirche neben Taufbecken und Altar. Wir erinnern uns an das Chorfenster, in dem die Sakramente biblisch dargestellt werden – in der Mitte „das Wort“. Ausgerechnet hier hat sich der Zeitgeist ein Opfer geholt. Die Kanzel stammt aus der Erbauungszeit der Kirche, wurde vom Architekten Heinrich Heidsiek selbst entworfen und von der Saarner Schreinerei Hoffmann („Seit über 100 Jahren für Sie im Einsatz ...“) gefertigt. Ihr Korb ist mit gotischen Spitzbögen gestaltet. der Schalldeckel mit seinen Türmchen griff Gestaltungselemente der Außenfassade auf. Abgesehen davon, dass die Position in der Seitenlage durch das Baukonzept der Kirche bedingt ist – sonst hätte man auf das Chorfenster verzichten müssen – , ging Ihre ursprüngliche Raumwirkung 1967 verloren. Sie wurde erheblich gekürzt und der Schalldeckel demontiert. Manches spricht dafür und manches dagegen: Ästhetik, Theologie und Pragmatismus standen dabei im Widerstreit in einer Zeit, in der man den Stil der Neugotik wenig schätzte und in der auch anderswo Architektur aus der Gründerzeit bewusst beseitigt wurde. Lautsprecherübertragung machen einen Deckel entbehrlich, gleiches gilt wegen der seltenen Nutzung der Emporen und das Bestreben, den Prediger nicht über das „Kirchenvolk“ herauszuheben. Andererseits sorgten Veränderungen an der Kanzel für ein neues Erscheinungsbild des Innenraums, bei dem die Dominanz der Wortverkündigung zurücktrat. Künstlerisch-ästhetische Fragen spielten bei diesem Eingriff offenbar keine Rolle.
Die Toten-Gedenktafeln aus dem Ersten Weltkrieg wanderten in friedensbewegter Zeit von den Emporen in die Versenkung – ein würdiger Ort für sie wurde noch nicht gefunden.
Restaurierungsarbeiten nach 100 Jahren
Einhundert Jahre nach der Einweihung der Broicher Kirche standen dringende Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten an. Zuerst wurden die letzten Kriegs- und Kriegsfolgeschäden sowie Umweltschäden an der Sandsteinverblendung der Außenhaut beseitigt. Der Kirchturm wurde mit Kupfer neu eingedeckt. Bei dieser Gelegenheit erklommen Metalldiebe das Gerüst am Turm und demontierten den Wetterhahn.
Kurze Zeit später stand der Innenraum an: Von Anfang an war die Farbigkeit ein Problem. Die Dunkelheit des Innenraums versuchte man zuerst durch die Verwendung weißer Farbe für das Deckengewölbe und die Wandflächen aufzuhellen. Diesen kühlen Farbton hatte der Kirchen- und Glasmaler Karl Helwig lindgrün übermalen wollen. So kam es 2000 / 2001 zur Verwendung warmer Farbtöne und farblicher Hervorhebung der Gewölberippen. Für die Pfeiler, auf denen das Deckengewölbe ruht, wurde ein roter Farbton gewählt, angedeutete Fugen erinnern an Buntsandsteinquader. Die Verwendung von Blattgold verleiht dem Kirchenraum einen festlichen Charakter.
Polsterstühle statt der Bänke haben den Vorteil, Teile der Kirche (unter der Vierung und in den Seitenschiffen) flexibler zu nutzen. 2024 konnte ein Teil der Bänke der neuen Bestuhlung weichen.
Weitere Gemeindebauten
Von weiteren Gemeindebauten soll hier das Gemeindehaus genannt werden. Keimzelle der selbständigen Broicher Kirchengemeinde war der 1887 von Wilhelmine Roßkothen gestiftete Betsaal Wilhelminenstraße 7. Nach dem Bau der Kirche wurde er zum Gemeindehaus, in dem alle Gruppenaktivitäten stattfanden. Erste Planungen zum Bau eines Gemeindehauses neben der Kirche gab es schon vor dem Ersten Weltkrieg. Den finanziellen Grundstock sollte die „Ida-und-Laura-Schorndorff-Stiftung“ bilden; die Geschwister hatten eher an ein Krankenhaus oder Seniorenheim gedacht, dessen Realisierung eine Bedingung im Eingemeindungsvertrag von 1904 war zwischen der Bürgermeisterei Broich und der Stadt Mülheim an der Ruhr.

Das Stiftungskapital und die durch Kirchenkonzerte eingespielten Gelder überstanden weder den Ersten Weltkrieg noch die Währungsreform von 1923. Mit der Weimarer Republik schien es erst einmal aufwärtszugehen – also der nächste Anlauf: Im Jahr 1925 wurde der „Bauverein Graf-Wyrich-Haus“ gegründet. An der Ausschreibung des Architekten-Wettbewerb nahmen 56 (!) Architekten teil. Interessant ist die Teilnahme des Architekturbüros Pfeifer & Großmann, das auch das Gemeindezentrum Altenhof auf dem Kirchenhügel plante – nicht zu vergessen das Rathaus und die Stadthalle. Hoffnungsvoll wurde der Spendentopf gefüllt, wöchentliche Kirchenkonzerte durch ehrenamtlich Mitwirkende aus der Gemeinde ließen auf baldige Verwirklichung der Pläne hoffen. Der Börsenkrach von 1929 mit Massenarbeitslosigkeit und die Beseitigung der Demokratie durch das „Dritte Reich“ machten der Planung ein Ende. Für die Hitlerjugend baute die Stadt Mülheim 1940 ein Heim auf der Holzstraße.

Nach Weltkrieg und Nazidiktatur wurde 1954 endlich das jetzige Gemeindezentrum als „Jugendhaus“ eingeweiht. Nach dem Verkauf des Gemeindehauses Wilhelminenstraße 7 (1965) wurde es zunehmend Heimat anderer Gemeindegruppen, sodass es jetzt den Namen „Gemeindezentrum“ führt.
Der große Saal wurde 2005 renoviert und die Bühne mit den technischen Anlagen auf den neuesten Stand gebracht. Damit bietet sich das Gemeindezentrum als attraktive Veranstaltungsstätte auch für Aktivitäten der Bürgergemeinde an. Derzeit ist eine Neuauflage in der Planung, die unmittelbar an die Kirche anschließen soll, wie es auch die Architekten Pfeifer & Großmann vorhatten.
Durch den Verkauf der Liegenschaften an der Calvinstraße konnte an der Lederstraße ein Mietshaus mit Pfarramtswohnung errichtet werden.
„Hat die Kirche denn keinen Namen?“
Eine immer wieder gestellte Frage – und verschiedene Antwortmöglichkeiten: „Evangelische (Pfarr-) Kirche (zu) Broich“ – „Broicher Kirche“ – „Kirche (an der) Wilhelminenstraße“ – „Wilhelmine“ – Blicke in die Kirchenakten und die Lokalpresse zeigen eine Auswahl, wobei die „Wilhelmine“ vorwiegend im mündlichen Verkehr und mit liebevollem Klang verwendet wird. Hier ein Versuch Klarheit zu schaffen.
Nach Werner Franzen erhielten zwischen 1860 und 1914 von den 251 Kirchenneubauten im Rheinland 56 von Anfang einen Namenszusatz – das waren 22 Prozent. Die überwältigende Mehrzahl der Neubauten nannte sich lediglich „Evangelische Kirche
Die Frage nach einem Namen stellte sich in Broich erst 1964 mit dem Bau einer Kirche mit Gemeindezentrum an der damaligen Thusneldastraße. Namensgeberin Thusnelda aus dem Germanenstamm der Cherusker war die Ehefrau von Arminius (auch als Hermann bekannt), dem Sieger gegen die römischen Truppen im Jahre 9 nach Christi Geburt in der Varusschlacht. In patriotischen Kreisen des 19. Jahrhunderts war der Name noch beliebt, aber wenig verbreitet. Die Kurzform „Tussi“ wird heute nur noch abwertend für „nervige“ Frauen [Wikipedia] gebraucht. Also meinte die Gemeindeleitung in Übereinstimmung mit dem damaligen Leiter des Mülheimer Katasteramts (und im Ehrenamt Broicher Presbyter) einen neuen Namen finden zu müssen. Dies galt für das Teilstück der Straße zwischen Prinzess-Luise-Straße und Hermannstraße, wo die neue Kirche im Bau war. Namenspate für das Straßenstück wurde Jean Calvin, der vorwiegend für die Reformation in der Schweiz, Frankreich, England, den Niederlanden und in Nordwestdeutschland zeichnete.
Dem damaligen Presbyterium schien mit der Umbenennung des Straßenstücks auch der Namensgebung der Kirche Genüge getan. Der langjährige Baukirchmeister der Broicher Gemeinde, Günter Unger [Erinnerungen an 40 Jahre Kirche und Gemeindezentrum Calvinstraße, 2005], schrieb über die Diskussion um die Namensfindung im damaligen Presbyterium: „Es kommt zu einer längeren Aussprache, die mit einer Vertagung endet. Und so ist es 40 Jahre geblieben. Das Thema wird immer mal wieder angesprochen, am Ende bleibt es jedes Mal bei ‚Gemeindezentrum an der Calvinstraße‘. Hinderungsgrund ist nicht der Name Calvin. Aber wie soll die Kirche an der Wilhelminenstraße heißen?“ Die Antwort steht weiterhin aus.
Hier kommt noch einmal Werner Franzen zu Wort: „Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges zeichnet sich hier [bei der Namensgebung, der Autor] ein Wandel ab. Legt man den noch vorhandenen Baubestand zugrunde, so hat sich in den letzten Jahren der Anteil jener Kirchengebäude, die einen besonderen Namenszusatz tragen, der Marke von 50 Prozent angenähert.“ – Das gilt auch für Mülheim, wo die letzten „spätgetauften Kirchen“ nach Immanuel (Styrum) und Matthäus (Dümpten) benannt wurden – auch so etwas wie eine „Erwachsenentaufe für Kirchen“.
Am Ende: ein Kreuz mit dem Kreuz

Am Ende dieser Abhandlung sei noch ein Blick auf das Kreuz auf dem Kirchturm gestattet, weil es ziemlich einmalig ist. Die meisten Kirchen begnügen sich mit einem schlichten Kreuz, oft kombiniert mit einem Wetterhahn. In Broich haben wir es mit einer fünffachen Krönung der Spitze zu tun. Auf einer goldenen Kugel, die die Weltkugel symbolisiert, steht das Kreuz als das am weitesten verbreitete Glaubenssymbol. Es findet sich wieder im Grundriss der Kirche und steht auf dem Altar. Der Anker ist ein Symbol der Hoffnung, der Zuversicht und des Heils. Wir erinnern uns auch daran, dass die Ruhrschifffahrt ein wichtiger Wirtschaftszweig in Mülheim war. Im Zentrum des Kreuzes stehen die Marterwerkzeuge Ysoprohr und Lanze, die den Kreuzestod Christi begleiten.
Das Kreuz auf der Turmspitze hat ein Gegenstück über dem Turmeingang der Broicher Kirche – das
Christusmonogramm

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Eine kleine Schwester der Berliner Domorgel in Broich
Die Vorgeschichte der heutigen Orgel
Schon im Betsaal Wilhelminenstraße 7 begleitete 1887 ein Lehrer aus Linnep den Gesang der freien Gemeinde auf einem gemieteten Harmonium [Festschrift 100 Jahre Kirchengemeinde Broich]. Eine Orgel erwarb die Gemeinde 1888 von dem Angermunder Orgelbaumeister Adolph Müller, der gerade einen Neubau für die St. Anna-Kirche in Lintorf gefertigt hatte [Angermunder Geschichtsbücher, Bd. 2]. Es liegt nahe, dass Müller den Verkauf der ausgemusterten Lintorfer Orgel an die Broicher vermittelt hat. Die Orgelweihe fand am Palmsonntag 1888 statt. Jetzt brauchte die Gemeinde einen Bälgetreter, dessen Gehalt 1897 auf jährlich 50 Mark und dann 1902 – in der neuen Kirche mit größerer Orgel – auf 60 Mark erhöht wurde.
Sauer muss es sein – eine Orgel von der Oder geht nach Broich
Das Presbyterium hatte bei keinem Geringeren als dem renommierten „Akademischen Künstler“ und von Kaiser Wilhelm I. mit dem Prädikat eines „Königlichen Hoforgelbaumeisters“ ausgezeichneten Wilhelm Sauer in Frankfurt an der Oder eine Orgel in Auftrag gegeben. Diese war in der zweiten Hälfte des Jahres 1900 in Frankfurt/O. fertiggestellt und die unzähligen gut verpackten Einzelteile wurden mit der Eisenbahn bis zum Bahnhof Broich geliefert und auf Karren zur nahen Kirche transportiert. Dort montierten die fleißigen Handwerker am vorgesehenen Standort auf der Orgelempore über dem Hauptportal die großen und kleinen Einzelteile zu einer mittelgroßen Orgel. Mittelgroß bedeutet, dass das Instrument auf das Volumen des Innenraums zugeschnitten war. Um 1900 war eine Vorortkirche in einem (damals) kleinstädtischen bis ländlichen Umfeld auf eine Besucherzahl von 800 ausgelegt. Mit 25 klingenden Registern (Klangfarben) füllt die Orgel klanglich den Raum optimal aus.
Nun wurden vor Ort das Orgelgehäuse, die Orgelpfeifen, der Spieltisch, die Rohrverbindungen zwischen der Tastatur und den einzelnen Pfeifen zusammengebaut. Nicht zu vergessen die Blasebälge und der Arbeitsplatz des Kalkanten, der für genug Druck in der Windanlage zu sorgen hatte, ohne den die beste Orgel stumm bliebe. Nicht nur für die Versorgung der Pfeifen mit dem Luftdruck zur Tonerzeugung war der Kalkant (von lateinisch calcare „treten“) zuständig, denn die Verbindung zwischen Tasten und Ansteuerung der richtigen Pfeife geschah bei den Sauer-Orgeln über Bleiröhrchen; pneumatische Traktur nennt sich das im Gegensatz zur mechanischen Traktur über ein System von dünnen Stangen.
Am 19. Dezember 1900 – also ein Vierteljahr vor der Einweihung der Kirche – war die Orgel einsatzbereit, nachdem die Revision durch den Orgelsachverständigen der Provinzialkirche abgeschlossen war.
„Strom kommt sowieso ins Haus – nutz‘ das aus!“
Das ist ein Werbespruch aus den 1960er Jahren, jedoch von der Elektrizitätswirtschaft wurde schon vor dem Ersten Weltkrieg intensiv für die Nutzung der Elektrizität geworben. Was hat das mit unserer Orgel in der Broicher Kirche zu tun?

Mit dem Schreiner Ferdinand Dorgathen aus Saarn schloss Pfarrer Haustadt am 15. März 1902 einen Arbeitsvertrag. Seitdem war er Bälgetreter der Broicher Gemeinde im Nebenerwerb, denn sonntags hatte er ja Zeit. (Original des Vertrags im Kirchenarchiv) Überall hatte es Kalkanten gegeben, die ihre Wadenmuskeln in den Dienst der Kirchenmusik stellten. In Landgemeinden mit kleineren Orgeln versahen diesen Dienst oft die Konfirmanden.
Im Jahr 1910 hielt die Elektrizität Einzug in unserer Kirche – der Einbau eines elektrischen Gebläseantriebs durch die Firma Paul Faust in Barmen kostete 1.200 Mark. Zu diesem Preis hätte man Herrn Dorgathen noch 20 Jahre beschäftigen können – theoretisch. Noch immer könnte in Zeiten der Stromknappheit die Broicher Orgel durch einen Bälgetreter betrieben werden.
„Zinn“ oder „Zink“ – die Wörter klingen ähnlich, aber die Orgelpfeifen nicht
Die Industrialisierung gegen Ende des 19. Jahrhunderts entdeckte Zinn als wichtiges Metall für den Maschinenbau, die Elektro- und die Rüstungsindustrie. Verwendet wird Zinn in der Rüstungswirtschaft vor allem als Bestandteil von Lötmaterialien, die für die Herstellung und Reparatur elektronischer Bauteile in Waffensystemen eingesetzt werden. Als der Erste Weltkrieg ins dritte Jahr ging, machte sich ein Mangel dieses Rohstoffs bemerkbar. Die sogenannten Materialschlachten des Krieges begannen die Rüstungsindustrie zu überfordern. Daher wurde die „Metallspende des deutschen Volkes“ verordnet. Ab dem 10. Januar 1917 waren die Prospektpfeifen der Kirchenorgeln dran, weil sie einen hohen Anteil von Zinn enthielten. 1918 – also noch vor Ende des Krieges oder kurz danach – wurde die hässliche Lücke im Orgelprospekt geschlossen, aber mit Pfeifen aus Zink. Die sehen nicht nur grau und stumpf in der Farbgebung aus, sondern klingen genauso, wie sie aussehen. Dabei blieb es 85 Jahre lang. Im Zuge der großen Restaurierung der Kirche wechselte die Firma Sauer (jetzt in Müllrose, Landkreis Oder-Spree im Land Brandenburg) die Prospektpfeifen aus. Das war 2003 und nur möglich durch Pfeifenpatenschaften – die Geldspende für eine neue Pfeife aus Zinn gab es die alte in Zink. Der ursprüngliche Klang und das ursprüngliche Aussehen sind seitdem wieder hergestellt.
Änderungen zwischen Weimar Republik und Zusammenbruch
Es herrschte 20 Jahre lang Funkstille um die Orgel mit dem weichen romantischen Klang, obwohl es in der Orgellandschaft rumorte. Um die Spielmöglichkeiten auf der Orgel zu erweitern, baute man 1926 eine Spielhilfe ein. Der Registerschweller, auch Orgelwalze genannt, ist eine mit dem Fuß zu bedienende Rolle, mit deren Hilfe der Organist in festgelegter Reihenfolge Register ziehen kann. Je mehr Pfeifen aktiviert sind, umso lauter wird der Ton. Für die authentische Wiedergabe romantischer Orgelwerke des 19. Jahrhunderts ist die Walze unverzichtbar. Um 1820 entwickelte ein belgischer Orgelbauer und Mechaniker die Orgelwalze; sein Name ist Barthélemy Kufferath. „Die Kufferaths waren einst eine Mülheimer Musikerfamilie, deren Mitglieder im Laufe ihres Lebens und Wirkens europaweit ihre Spuren hinterließen. Stammvater der Dynastie war der Papiermacher Peter Kufferath …“, schreibt Jens Roepstorff auf der Homepage des Geschichtsvereins Mülheim an der Ruhr. Eine weitere mögliche Verbesserung wurde 1935 vorgenommen durch den Einbau einer neuen Trompete durch die Orgelbaufirma Gieseke / Faust. Der Firmengründer Carl Giesecke in Göttingen war im 19. Jahrhundert tätig. Er hatte sich auf die Herstellung von Zungenpfeifen spezialisiert. Diese besondere Bauart von Orgelpfeifen bildeten den Klang von Blechblasinstrumenten nach. Sein Nachfolger Paul Faust hatte damit so großen Erfolg, dass er den Orgelbau aufgab und weltweit Zungenpfeifen an Orgelbauer lieferte.
1945 bis 1975: Die Broicher Orgel in Gefahr
Im Zweiten Weltkrieg gingen während der Bombardierungen unzählige Orgeln verloren. Darunter waren viele Sauer-Orgeln. Darüber war nicht jeder Experte traurig, denn der besondere romantische Orgelklang war aus der Mode gekommen, während das Klangideal in der Barockmusik gefunden schien. Die Broicher Orgel hatte den Krieg unversehrt überstanden. Aber dafür war der Zeitgeschmack eine Gefahr für die romantische Orgel. Der Ausbau von drei Registern nach 1945 mag hiermit zu tun haben. Zum Glück für das historische Erbe fand man die verloren geglaubten Pfeifen in einer dunklen Ecke wieder.
Zu heftigen Auseinandersetzungen von Orgelsachverständigen und Orgelbauern kam es 1946/47. Die Neuerer forderten „Reformation an allen Gliedern“, sodass man „die Orgeln nicht wiedererkennen“ würde, und die Traditionalisten rangen um „pietätvollen Umbau und Wahrung des typischen Sauer-Klangs“. Versuche einer Modernisierung und damit die romantische Orgel dem Zeitgeist zu opfern, scheiterten in Broich. Vielleicht fehlte auch das Geld für einen Umbau – oder am sprichwörtlichen „Mölm‘schen Houltkopp“ prallten die Initiativen ab.
Zum Knall kam es 1963, als der renommierte Kirchenmusikdirektor Heinz Kirch, der nach der Kriegszerstörung des Wilibrordidoms (Sauer-Orgel mit 80 Registern) in Wesel nach Broich gekommen war, kündigte und ging zurück nach Wesel, weil in Broich kein „den modernen Anforderungen entsprechendes Instrument“ vorhanden sei. In der Presse hieß es, Broich sei „die einzige erhaltene Gottesdienststätte in Mülheim“ mit „bescheidener Orgel“. Auch die Nachfolgerin Ingrid Urbasch ging nach sieben Jahren wegen des Instruments nach Essen-Rellinghausen. Mit der fehlenden Wertschätzung war 1975 Schluss. Das Gutachten von Dr. Hans Martin Balz, einem Schüler von Siegfried Reda und Orgelsachverständiger der Kirche von Kurhessen-Waldeck, kam zu der Empfehlung, dass die Broicher Orgel als historische Besonderheit „erhaltenswert“ ist.
Die Restaurierung von 1976 durch die Firma Schuke (Berlin) unter Verwendung des aufbewahrten Pfeifenmaterials führte zur Rückführung der Orgel in den Ursprungszustand. Der Klangcharakter einer spätromantischen Orgel war wieder erstanden. Der Anteil des historischen Pfeifenmaterials liegt bei 96 Prozent. Das „Tüpfelchen auf dem i“ kam 2003 mit der Erneuerung der Zinnpfeifen im Prospekt.

… und was ist nun mit der „großen Schwester in Berlin?
Der Berliner Dom auf der Schloss-Insel wurde 1905 vollendet. Der Hoforgelbaumeister Wilhelm Sauer baute für die Königliche Hof- und Grabeskirche ein Orgelwerk, das zum Zeitpunkt seiner Entstehung das größte in einer deutschen Domkirche war: 113 Register, 4 Manuale und Pedal mit 7260 Pfeifen
Text und Fotos: Günter Fraßunke
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